Ein Blick hinter die Direktvermarktung. Regionale Lebensmittel im Bezirk Zwettl sind ein echter Renner. Wie diese produziert werden und was die Landwirte dafür leisten, durchleuchtete die NÖN.

Von Joachim Brand. Erstellt am 16. Juni 2021 (13:18)

Regionalität, Hofläden und Ab-Hof-Vermarktung erfreuen sich im Bezirk Zwettl steigender Beliebtheit. Nachhaltig erzeugte Lebensmittel sollten im besten Fall regional und biologisch im Regal angeboten werden.

Was den Anteil der Äcker und Wiesen im Bezirk Zwettl betrifft, so sind rund 23 Prozent der Fläche laut Bezirksbauernkammer mittlerweile biologisch bewirtschaftet. Zusätzlich beliefern 40 Betriebe die Firma Waldland mit Bio-Produkten. Die NÖN hat sich auf Spurensuche begeben und mehrere Betriebe besucht.

Pionierarbeit geleistet

An der Landwirtschaftlichen Fachschule Edelhof wurde bereits 1993 die Hälfte des Lehr –und Versuchsbetriebs auf biologische Wirtschaftsweise umgestellt. Auf rund 50 Hektar wächst die Futtergrundlage für alle Nutztiere. „Unsere Landwirtschaftliche Fachschule leistet damit Pionierarbeit für die Landwirtschaft im Waldviertel“, erklärt Direktorin Michaela Bauer im Gespräch mit der NÖN. Sie betont weiters, dass sich rund 40 Prozent der Schüler für das Wahlfach „Biolandbau“ entscheiden.

Familie Höritzauer in Merkenbrechts bei Göpfritz geht schon seit über 20 Jahren einen Schritt weiter. Auf ihrem Wegwartehof produziert sie Stutenmilch und Kosmetikprodukte nach der Demeter-Methode. „Für mich war klar, dass bio allein nicht der letzte Schritt hin zu einer nachhaltigen Bewirtschaftungsform ist“, erklärt Andreas Höritzauer. Der Mittfünfziger stammt aus einem oberösterreichischen Bergbauernhof nahe der niederösterreichischen Landesgrenze. Nach der Matura verbrachte er ein Jahr im Sozialdienst in Chile.

Es folgte ein Studium der Psychologie mit Schwerpunkt Gruppendynamik und Organisationsentwicklung. Bald war klar, dass er wieder zu seinen landwirtschaftlichen Wurzeln zurückkehren wollte. In Merkenbrechts kaufte er mit seiner Frau einen ziemlichen ramponierten Bauernhof. Über Gemüseanbau und Kräutern, startete er 1989 den Versuch mit einer Stutenmilchproduktion und deren Verarbeitung.

Nach familiären Veränderungen, viel Arbeit und Maßnahmen zur Neuorganisation entstand nach 20 Jahren ein feines Stutenmilchgestüt mit angeschlossener Kräutermanufaktur. Ziel der Methode nach Demeter ist ein gesunder, in sich ruhender Organismus. „Jeder Hof stellt seinen individuellen Beitrag. Wir wollen ein Ort sein, wo Menschen sich weiterentwickeln können“, sagt Höritzauer. Dazu greift man neben den Grundsätzen des Biolandbaues auch auf Spirituelles zurück. Das reicht von eingegrabenen Kuhhörnern bis zu Pflanzenauszügen. Diese werden zu bestimmten Zeiten über den Feldkulturen aufgebracht. „Die größten Zuwächse erhält die Demeter-Methode derzeit im Weinbau“, berichtet Andreas Höritzauer.

Sorgenfalten bei Ziegenzüchtern

Bei Richard und Karin Weber in Merzenstein stand vor der Umstellung und der Erweiterung ebenfalls die Frage des Weitermachens im Raum. Die ruinösen Milchpreise für Kuhmilch ließen in der Vergangenheit schon bei den Eltern die Frage nach neuen Wegen aufkeimen. In den Neunziger-Jahren probierte man langsam im kleinen Rahmen eine Ziegenhaltung aus. Bald übernahm Richard Weber 2007 den elterlichen Hof und erweiterte seine Bio-Ziegenmilchproduktion auf über 200 Stück.

„So schön wie der Hof jetzt dasteht, so besorgt blicke ich in die Zukunft. Den Milchziegenbauern droht eine weitere EU-Vorgabe. Die Erhöhung des Grundanteils zur Weideland-Verpflichtung ist für die meisten Bio-Ziegenmilch-Produzenten nicht umsetzbar. Ich sage dies als Regionalmilchsprecher für das Waldviertel und das Mühlviertel. Wir brauchen für die Regionen angepasste Ausnahmeregeln für die Weidehaltung“, betont Richard Weber und ergänzt: „Die Saanenziege ist eine Wirtschaftsmilchrasse. Diese Ziegen bauchen nur wenig Auslauf.“

Seit 20 Jahren bio

Gänzlich auf Mutterkuhhaltung setzt man im Biohof Eigner in Langschlag bei Grafenschlag. „Biologische Landwirtschaft heißt ganzheitliches Denken und Handeln. Organische Düngung, richtige Fruchtfolge, schonende Bodenbearbeitung und artgerechte Tierhaltung setzen wir gezielt um. Wir stellten unseren Betrieb Anfang der 90er-Jahre auf bio um. Mohn, Kümmel, Bio-Schnittlauch und Bio-Rindfleisch sind im Ab-Hof-Verkauf unsere wirtschaftlichen Standbeine“, erzählt Johann Eigner.

Als gelernter Landwirtschaftsmeister musste er noch die Qualifikation eines Fleischermeisters erwerben. Neben Rindfleisch können wohlschmeckende Würste und Räucherwaren ebenfalls ab Hof verkauft werden.

Fünf Bauern im Team. Eine Besonderheit der Regionalität stellt die Hofmolkerei der Waldviertler Bauernmilch in Biberschlag bei Traunstein dar – ein Bauernhof mit Milchkühen, nicht mit Bio-Zertifikat, aber naturnah bewirtschaftet und mit einer angeschlossenen Molkerei. Diese wird von vier weiteren Landwirten mit Milch beliefert. Die Produktpalette umfasst Waldviertler Bauernmilch, Schulmilch, Joghurt, Fruchtjoghurt und viele köstliche Topfenaufstriche.

Der Familienbetrieb mit Gerhard Wagner als Geschäftsführer, Daniela und Christina Wagner sowie Alexander Wagner als landwirtschaftlichem Betriebsleiter bietet zusätzlich mehreren Mitarbeitern einen attraktiven Arbeitsplatz.

„Wir sind ein autarker Betrieb, selbst bei Stromausfall können wir mit unserem Notstromaggregat ungestört weiterproduzieren. Wir sind in Notzeiten ein systemrelevanter Betrieb für die regionale Nahrungsmittelversorgung“, zeigt Gerhard Wagner einen wichtigen, meist nicht beachteten Aspekt seines Doppelbetriebes auf: „Leider traf uns die Corona-Krise sehr hart. Aufgrund unterschiedlicher Bewertungskriterien wurde uns der Betriebsausfall nur minimal ersetzt.“

EU-Förderungen laufen aus

Mit den wirtschaftlichen Nöten der Bauern bestens vertraut ist man bei der Bezirksbauernkammer Zwettl. Dazu meint Kammersekretär Bernhard Löscher: „Die EU-Förderungen werden in diesem Jahr weiterbezahlt, wahrscheinlich auch noch 2022. Das ist aber noch nicht niedergeschrieben. Was dann folgt, muss von der EU-Kommission erst festgelegt werden.“