Nibelungenplatz Neu: „Veränderung als Chance begreifen“. Die NÖN sprach mit Stadtplanerin Daniela Allmeier über den aktuellen Stand, Chancen und Risiken des Tullner Großprojektes.

Von Thomas Peischl. Erstellt am 12. Juni 2021 (03:37)
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Unter dem Titel „1.000 Ideen für den Platz“ macht das Dialograd noch bis Ende Juni an mehreren Stationen im Tullner Gemeindegebiet halt, um Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zur Mitsprache zu geben (siehe auch Infobox am Artikelende).
Raumposition, Raumposition

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Architektin Daniela Allmeier vom Stadt- und Raumplanungsunternehmen „Raumposition“ begleitet den mehrstufigen Prozess zur Neugestaltung des Tullner Nibelungenplatzes.
Raumposition/E. Winter, Raumposition/E. Winter

NÖN: Lassen Sie mich mit einer persönlichen Frage beginnen: Was war ihr eigener erster Eindruck, als Sie zum ersten Mal über den Nibelungenplatz gingen?
Daniela Allmeier:
Wenn man sich als Ortsunkundige zum ersten Mal am Nibelungenplatz befindet, bleibt einem zuerst der wunderbare Raum an der Donau völlig verborgen, weil der Damm hier die Sicht auf das Wasser und die qualitätsvoll gestaltete Donaulände versperrt. Man vermutet überhaupt nicht, wo man ist. Ein Blick „dahinter oder darüber“ ist überaus positiv überraschend, gleichermaßen aber enttäuschend, weil einem eben dieser Raum in gewisser Hinsicht verwehrt bleibt. Überrascht war ich von diesem extremen Bruch: dieser fantastische öffentliche Freiraum direkt am Wasser und gleich im Anschluss daran diese große Asphaltfläche zum Abstellen der Autos. Ich dachte erst einmal: Die Autos haben es hier richtig gut - Parken in Toplage und direkt am Wasser. Irgendwie passt die Prioritätensetzung hier nicht.

„Eines ist auch deutlich: Jede Tullnerin und jeder Tullner hat zum Platz etwas zu sagen.“ Daniela Allmeier, Architektin und Stadtplanerin

Sie sind Mitgründerin und geschäftsführende Gesellschafterin von „Raumposition“. Im Einstieg auf Ihrer Homepage steht „Raum ist, was man damit macht“. Da ist hier noch Luft nach oben, oder?
Aus fachlicher Sicht der Stadtplanung ist die Antwort zweifelsohne: Ja. Der Raum besticht allem voran durch seine herausragende Lage - direkt an der Donau und zentral innerstädtisch. Mit dem Nibelungenplatz steht ein großes Potenzial verknüpft, die Stadt näher an die Donau zu bringen und umgekehrt die Donau näher an die Stadt und damit den Raum auch mit neuen Qualitäten als erlebbaren und nutzbaren Freiraum für alle zu entwickeln. In diesem Sinne könnte dem Nibelungenplatz eine wichtige Bedeutung als Bindeglied zuteil kommen.

Ihr Unternehmen hat schon viele Projekte begleitet, gibt es Vergleichs(erfahrungs)werte, die sich auf Tulln anwenden lassen?
Projekte im öffentlichen Raum sind immer mit ähnlichen Themen, vielfach auch emotional aufgeladen, verbunden. Dies insbesondere dann, wenn es um den ruhenden Verkehr geht. Hier sind intensive Diskussionen über die Umverteilung des Raums zu führen. Also die Frage: Wie können wir die öffentlichen Flächen, die wir zur Verfügung haben, neu und vor allem „fairteilen“, damit neue Qualitäten für die Nutzbarkeit durch die Menschen, und weniger für die Autos, möglich werden. Das sind herausfordernde Aushandlungsprozesse, die wir zu durchlaufen haben. Die größte Herausforderung beim Nibelungenplatz ist, dass wir es hier mit einem Umdeutungsprozess zu tun haben: Wenn wir einem Raum die bestehende Funktion zum Teil nehmen, dann müssen wir ihn mit neuen Bedeutungen belegen. Das bedarf Offenheit für Veränderung und Veränderung als Chance zu begreifen.

Aktuell läuft die Bürgerbeteiligungsphase auf Hochtouren. Gibt es schon Inputs, die selbst Sie als Expertin überrascht haben?
Ich war positiv überrascht zu sehen, dass Themen rund um die nachhaltige und klimafreundliche Stadtentwicklung in Tulln bereits in der breiten Öffentlichkeit angekommen sind. Es gibt auch ein großes Bewusstsein für Klimafitness, was die Gestaltung der öffentlichen Räume betrifft. Und eines ist auch deutlich: Jede Tullnerin und jeder Tullner hat zum Platz etwas zu sagen. Das Interesse am Projekt ist beeindruckend groß.

Ich war positiv überrascht zu sehen, dass Themen rund um die nachhaltige und klimafreundliche Stadtentwicklung in Tulln bereits in der breiten Öffentlichkeit angekommen sind

Ein weiterer Satz im Leitfaden lautet „Dabei vermitteln wir zwischen vielschichtigen Interessenslagen“. Waren Sie da schon gefordert?
Wir befinden uns in der ersten Phase des Planungsprozesses. Hierbei geht es zunächst mal um das Kennenlernen des Raums und das Verstehen der Begabungen, die der Nibelungenplatz aufweist, und die es für seine Zukunft zu fördern gilt. Es geht auch um das Sammeln und Zuhören, um die Belange aus der Bevölkerung zu verstehen. Aufbauend darauf startete die Konzeptionsphase.

Die vereinte Tullner Opposition aus Grünen, SPÖ, TOP, FPÖ und NEOS hat sich zu Beginn auf die Kostenfrage eingeschossen und ein Kostenlimit von maximal einer Million Euro gefordert. Könnte das zu einem Problem werden?
Offen gesagt: Es ist immer schwierig, wenn ein Projekt von Beginn an auf die Frage der Kosten reduziert wird. Ich sage bewusst reduziert, weil damit die wichtigsten Aspekte in der Entwicklung der öffentlichen Räume erst gar keine Möglichkeit haben, Einzug in die Debatte zu finden. Der öffentliche Diskurs in der Planung sollte Raum für die Diskussionen über Aufenthalts- und Gestaltqualitäten, über Nutzungsangebote und Mehrwerte für die Stadt geben. All dies wird über die Kostendebatte massiv eingeschränkt.

Gibt es eine Art „größtmöglichen städteplanerischen Fehler“, den Tulln bei der Neugestaltung des Nibelungenplatzes auf jeden Fall vermeiden sollte?
Ja. In ein paar Jahren wird der motorisierte Individualverkehr in unseren Innenstädten eine wesentlich geringere Rolle spielen. Die Städte haben aus Fehlern der Vergangenheit gelernt und sind nun dran, Autos zugunsten der Erlebbarkeit und Nutzbarkeit durch Menschen weitestgehend aus Zentrenbereichen hinauszubekommen. Wenn wir weiterhin vorrangig autogerechte Städte bauen, wäre dies alles andere als zukunftsfähig. Bei der Planung des Nibelungenplatz sollten wir darauf achten, dass er sich an die verändernden Anforderungen von morgen anpassen kann.

In ein paar Jahren wird der motorisierte Individualverkehr in unseren Innenstädten eine wesentlich geringere Rolle spielen

Eine große Sorge vieler Tullnerinnen und Tullner gilt dem möglichen Verschwinden von Gratis-Parkplätzen. Gibt es hier schon einen Lösungsansatz?
Aktuell sondieren wir allgemein die Rahmenbedingungen. Dazu wird es auch eine verkehrliche Erhebung geben, um Ableitungen zu treffen, wie viel Gestaltungsspielraum für Verlagerungen es gibt und wo adäquate Ersatzmöglichkeiten geschaffen werden könnten.