In Niederkreuzstetten ist es nicht mehr so wie bisher. Seit Sonntag ist es in Niederkreuzstetten nicht mehr so wie bisher. In der Weinviertler Marktgemeinde ist jene Frau aufgewachsen, die bei den Sommerspielen in Japan die Radwelt im olympischen Straßenrennen in Erstaunen versetzt hat. Die Triumph-Fahrt von Anna Kiesenhofer zur Goldmedaille haben in Niederkreuzstetten Jung und Alt verfolgt, Mutter Christine Kiesenhofer konnte sich ab zehn Minuten vor dem Zieleinlauf der Glückwünsche kaum mehr erwehren.

Von APA . Erstellt am 25. Juli 2021 (20:31)
Anna Kiesenhofer
Anna Kiesenhofer
APA/AFP/BEN STANSALL

"Ich habe ein bisschen den Überblick verloren", sagte sie auf Anfrage, wieviele Medien denn in den Stunden nach dem Rennen bei ihr schon vorbeigeschaut hätten. Für 5.45 Uhr Sonntagfrüh habe sie sich den Wecker gestellt, um das Rennen zur Gänze ab 6.00 Uhr mitverfolgen zu können. Ob der frühen Attacke ihrer Tochter war sie dann auch am Laptop im Stream keine Minute zu früh online.

"Ich habe mir gedacht, ich kann dann zwischendurch mal frühstücken, aber dazu bin ich bis jetzt nicht gekommen", erzählte Frau Kiesenhofer mitten am Nachmittag. Dabei hätte sie ihrer ältesten Tochter - ein Sohn und eine weitere Tochter sind Geburtsjahrgang 1992 und 1994 - genau die dann eingeschlagene Taktik auch empfohlen. "Hau so schnell wie möglich ab', hätte ich ihr geraten", meinte Frau Kiesenhofer über ihren Ratschlag, den sie der Tochter aber nicht persönlich gegeben hatte.

Minuten vor dem Zieleinlauf hätten dann schon die Leute bei ihr angerufen, woraufhin sie das Telefon auf lautlos gestellt habe. Denn natürlich wollte sie den Moment des Sieges ungestört genießen. Wichtiger als der Erfolg sei ihr aber etwas Anderes: "Als Mutter bin ich froh, dass sie gesund ins Ziel gekommen ist. Weil wenn drei Kilometer vor dem Ziel etwas passiert, ist es aus." Der Vorsprung sei jedenfalls schon so gewaltig gewesen, und sie habe sich gefragt, warum die anderen nicht früher angreifen.

Seit rund drei Jahren lebe ihre Tochter nun in Lausanne, vor etwa zehn Jahren sei sie aus Niederkreuzstetten weggezogen. Zuerst ging es für das Studium der Mathematik und Physik nach Wien, dann zwei Jahre nach Cambridge, Barcelona und schließlich in die Schweiz. Die Hartnäckigkeit habe sie in einer gewissen Weise von ihr, erläuterte Mutter Kiesenhofer. Geredet habe sie vorerst noch nicht mit Anna: "Sie wird jetzt Anderes zu tun haben. In Tokio geht es ja sicher auch Drunter und Drüber."

Sie hoffe, so Frau Kiesenhofer, dass es sich vielleicht mit einem Besuch der Tochter noch bis Mittwochmittag ausgehe, denn dann verreist sie für einen Monat. Bürgermeister Adolf Viktorik glaubt eher, dass sich ein Zusammentreffen mit der neuen Heldin des Ortes erst nach der Rückkehr der Mutter ausgehen werde. "Ich bin beim Frühstück angerufen worden, dass sie auf Goldkurs ist", verriet das Gemeindeoberhaupt der APA. "Sicher die halbe Gemeinde hat dann den Zieleinlauf gesehen."

Danach sei der Husarenritt der nun berühmtesten Tochter des 1000-Seelen-Ortes Niederkreuzstetten (die Marktgemeinde Kreuzstetten besteht aus Niederkreuzstetten, dem Hauptort, Oberkreuzstetten, Steifing und Neubau-Kreuzstetten, Anm.) das Gesprächsthema schlechthin gewesen. "Überall, wo ich hingekommen bin, bin ich damit überfallen worden", gab Viktorik an. Klar werde sich der Ort zu Ehren der Medaillengewinnerin Gedanken machen: "Weil es hat schließlich nicht jeder Ort eine Olympiasiegerin."

Und es sei nicht zu übersehen, dass Anna das Kind von Christine Kiesenhofer sei. "Sie sind beide sehr zielstrebig. Wenn sie sich etwas einbilden, dann verfolgen sie es sehr verbissen. Das kann Anna genauso. Sie hat studiert und trotzdem eine Amateur-Karriere eingeschlagen. Sie ist eine hochintelligente Frau."