Bezirk Mistelbach verneigt sich vor Anna Kiesenhofer. Die NÖN sprach mit Mama Christine, Bürgermeister Adi Viktorik sowie Mistelbacher Radkollegen über die goldene Anna.

Von Michael Pfabigan und Peter Sonnenberg. Erstellt am 28. Juli 2021 (04:37)
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Das olympische Siegerpodium im Damen-Straßenrennen: Silbermedaillengewinnerin Annemiek Van Vleuten aus den Niederlanden, Olympiasiegerin Anna Kiesenhofer und die „Bronzene“ Elisa Longo Borghini (von links) aus Italien. 
APA/AFP/Greg Baker

Niederkreuzstetten hat beschauliche 961 Einwohner und ist im Weinviertel vor allem dafür bekannt, dass es eine Schnellbahnverbindung auf der dichtbefahrenen Strecke zwischen Wien und Laa/Thaya hat. Seit vergangenen Sonntag kennt das kleine Dorf im Bezirk aber ganz Österreich. Der Grund hat einen Namen: Anna Kiesenhofer. Die 30-jährige, gebürtige Niederkreuzstettnerin holte sich sensationell Olympiagold. Das sorgte nicht nur in der Gemeinde, sondern im ganzen Bezirk für Aufregung. Wir haben die wichtigsten Reaktionen zusammengetragen:

Die Mama

Christine Kiesenhofer wollte eigentlich mit ihrer jüngeren Tochter Jutta im Laufe des vierstündigen Rennens frühstücken, aber selbst um 16 Uhr des Sonntags kam sie noch nicht dazu. „Ständig haben Leute angerufen, irgendwann habe ich dann das Handy auf lautlos gestellt, so viele Gratulationen kamen“, erzählt die Mama der frischgebackenen Olympiasiegerin. „Besonders gefreut habe ich mich über eine Radlerpartie, die ihre Tour zum Gratulieren ausgeweitet und bei uns vorbeigeschaut hat.“

„Auch wenn sie kein Profi ist: Sie als Hobbysportlerin abzutun, ist zu einfach. Ich hab gesehen, wie hart sie trainiert.“ Christine Kiesenhofer über die erfolgreiche Tochter Anna

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Die Qualen sollten sich auszahlen. Mit eisernem Willen und dem schier unfassbaren Ziel Olympiagold vor Augen radelte Kiesenhofer der Sensation entgegen.
APA/AFP Pool/Michael Steele

Während des Bewerbs war Mama Kiesenhofer aber nicht die Medaille wichtig, „denn in erster Linie habe ich mich gefreut, dass sie heil und gesund ins Ziel gekommen ist und nicht gestürzt ist.“ Eines ist der Mutter aber noch wichtig zu betonen, weil so oft von einer Hobbyfahrerin die Rede ist: „Auch wenn sie kein Profi ist: Sie als Hobbysportlerin abzutun, ist zu einfach. Ich hab gesehen, wie hart sie trainiert.“

Anna kehrt übrigens am Mittwoch in die Heimat zurück, das Wiedersehen wird aber kurz, da Christine bald vier Wochen auf Reha fährt. „Ich bin jedenfalls wahnsinnig stolz auf ihre Leistung. Die einzige Leistung, die ich beigesteuert habe, ist, dass ich sie geboren habe (lacht).“

Der Bürgermeister

Adi Viktorik, Niederkreuz stettens Bürgermeister, platzt fast vor Stolz, wenn er über die nun berühmteste Gemeindemitbürgerin spricht: „Wir sind alle stolz auf sie, aber ich weiß, dass sich die Mutter am meisten freut.“ Beim Rennen hat laut Viktorik „die ganze Gemeinde“ zugeschaut, weil es sich wie ein Lauffeuer verbreitet habe: „Ich habe ab Kilometer 30 mitgefiebert. Das heißt, ich hatte den Fernsehen aufgedreht, aber gehört hab ich nichts, weil ständig wer angerufen hat und mir vom Rennen erzählen wollte (lacht).“

Viktorik und Co. wollen Kiesenhofer freilich einen entsprechenden Empfang bereiten, und auch der Gemeinderat wird sich was einfallen lassen, wie diese Leistung geehrt werden kann. „Ehrenbürgerschaft oder Straßenbenennung, irgendwas Bleibendes in der Gemeinde soll es schon sein, so eine erfolgreiche Athletin hat ja nicht jeder Ort.“

Die Radsport-Kollegen

Dass ausgerechnet eine Radsportlerin aus dem Bezirk Mistelbach zur Olympionikin wird, passt zur Begeisterung für diese Sportart in der Region, gibt es neben Kiesenhofer doch weitere TopfahrerInnen. Etwa Philipp Kaider, den Zweiten beim „Race Around Niederösterreich“ diesen Mai. Der 32-Jährige aus Wolkersdorf zieht den Hut vor Kiesenhofer: „Eine Wahnsinnsleistung. Ich bin gerade am Rad gesessen und habe trainiert, aber mein Handy hat dauernd gepiepst. Als ich nachgesehen habe, was da los ist, habe ich es nicht glauben können. Diese Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen.“

Sprachlos war auch die Wolkersdorferin Alina Reichert, selbst in der österreichischen Frauen-Rad-Bundesliga und bei vielen Titelkämpfen mit Kiesenhofer am Start. „Ich freue mich wahnsinnig für sie, wir kennen uns ja schon seit Jahren, und gerade bei den Einzelzeitfahren habe ich oft genug gemerkt, in welcher eigenen Liga sie fährt.“ Für Reichert ist Kiesenhofer ab sofort Vorbild: „Wenn es jemand wie Anna zu den Olympischen Spielen schafft, wieso dann nicht auch jemand anderes. Vielleicht auch ich eines Tages (lacht).“

Für den heimischen Frauenradsport, ohnehin ein Stiefkind beim ÖRV, hofft sie nach diesem historischen Erfolg auf Impulse. „Wenn der Verband das jetzt nicht ausnützt, dann werden wir nie aus dem Mauerblümchendasein rauskommen.“