Sarah Fischer im Gespräch: „Schmerz wird nie weg sein“. Sarah Fischer fährt wohl nicht zu Olympia. Mit der NÖN sprach die 20-Jährige über das Verpassen eines Lebensziels.

Von Fabian Polland. Erstellt am 09. Juni 2021 (02:27)
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Im Gespräch mit NÖN-Redakteur Fabian Polland spricht Sarah Fischer über den bislang womöglich größten Rückschlag ihrer so erfolgreichen Karriere. Die 20-Jährige gewährt einen Einblick in ihre Gefühlswelt und einen Ausblick in die sportliche Zukunft.
Franz Aschauer, Franz Aschauer

NÖN: In der 3Sat-Dokumentation „Ab 18! Die Gewichtheberin“ hast du mit folgender Aussage aufhorchen lassen: „Ich höre immer nur, ich muss es zur Olympiade schaffen. Aber ganz ehrlich: Ich hoffe, ich schaffe es nicht, dann habe ich den ganzen Scheiß für vier Jahre hinter mir!“ Bist du froh, dass das Damoklesschwert Olympia jetzt nicht mehr über dir schwebt?

Sarah Fischer: Man muss verstehen, in welchem Zusammenhang ich die Aussage getätigt habe. Das war ein Jahr vor Olympia. Bei einer Landesmeisterschaft, die wirklich wichtig war – und es ist komplett in die Hose gegangen. Es war nicht wirklich ernst gemeint, sondern totaler Frust.

Die Corona-Pandemie hat viele Wettkämpfe auf dem Weg zu den Olympischen Spielen verhindert. War es eine faire Qualifikation?

Fischer: Nein, aus meiner Sicht war sie überhaupt nicht fair. Die Quali geht über vier Jahre, alle sechs Monate wird kontrolliert. Durch Corona wurden die meisten Länder ein Jahr lang nicht kontrolliert. Die Athletin, die jetzt vor mir in der Rangliste steht und statt mir zur Olympiade fährt, macht 210 im Zweikampf und ich 230. Ob das fair ist und einen Sinn ergibt, ist fraglich, finde ich.

2015 hat dein Vater erstmals der NÖN gegenüber gesagt, „Tokio 2020 ist das große Ziel“. War das auch jemals dein Ziel?

Das hat er in der großen Freude über die erfolgreiche U15-EM gesagt. Es ist natürlich das Ziel. Einer 14-Jährigen zu sagen, dass man es zur Olympiade schafft, ist natürlich das Erste, das man als Motivation sagt, aber der Weg ist so lang. Da passiert einfach so viel, was man nicht vorhersehen kann.

Ein weiteres Zitat deinerseits aus angesprochener Dokumentation richtet sich an deinen Vater: „Du stehst doch nur hinter mir, wenn ich einen guten Wettkampf mache, nie, wenn ich einen schlechten mache.“ Ist er nach der enttäuschenden Vorstellung in Taschkent hinter dir gestanden?

Ja, voll. Ich habe mich zwei Wochen vor dem Wettkampf im Trainingslager in Bulgarien verletzt und ihm gesagt, dass ich nicht einmal 100 Kilogramm Stoßen kann ohne Kreuzschmerzen. Ich habe ihn quasi schon darauf vorbereitet, dass das sehr eng wird. Dass es dann schon im Reißen so danebengeht, war nicht vorherzusehen.

Nach den Europameisterschaften in Moskau, die du auf dem siebenten Platz im Zweikampf beendet hast, hast du in einem ehrlichen Instagram-Posting erklärt, wie sehr dich dein Autounfall im Jänner und der Tod deines Großvaters Ende Februar physisch und psychisch belastet haben. Wirken diese Faktoren im täglichen Training immer noch nach?

Die Schmerzen vom Unfall haben lange nachgewirkt, sind aber jetzt schon weg. Aber der Verlust meines Großvaters wird auch in 20 Jahren noch nachwirken. Opa war immer da, immer in der Halle dabei. Der Schmerz wird nie komplett weg sein.

Noch einmal zu deinem Vater: Ihr beide habt immer ehrlich angesprochen, dass der Ton in der Trainingshalle schon einmal rauer sein kann, gleichzeitig aber betont, dass ihr euch zuhause immer in die Augen schauen habt können. Gilt das nach wie vor?

Ja, das wird sich sicherlich auch nicht ändern. Auch wenn der Papa mein Trainer ist, sind wir trotzdem Familie. Ich würde als Tochter auch nie wirklich frech zurückreden, vielleicht aus Spaß, aber ernst sicherlich nicht. Da ist der Respekt trotzdem immer vorhanden.

In Zeiten sportlicher Rückschläge haben schon viele Athleten ihre Trainer gewechselt. Selbst ein Dominic Thiem hat sich nach knapp 20 Jahren Zusammenarbeit 2019 von Günter Bresnik getrennt. Hast du in den vergangenen Tagen darüber nachgedacht, deine weitere Karriere ohne deinen Vater zu bestreiten?

Den Papa austauschen? Das könnt ihr ihm sagen. Nein, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn du so lange auf ein Ziel hintrainierst, dann verletzt man sich einfach irgendwann. Dass die Verletzung dann gerade zu diesem Zeitpunkt passiert, ist einfach sch .... Da kann aber niemand etwas dafür.

Gäbe es in Österreich überhaupt Alternativen, die dir dasselbe Maß an Aufmerksamkeit und Kompetenz bieten können?

In Österreich auf keinen Fall. Aber auch wenn ich einen ausländischen Trainer hätte, würde er mich voll unterstützen. Würde ich aber einen anderen österreichischen Trainer nehmen, dann würde er mich fragen, ob mir eine Scheibe an den Kopf geflogen ist. Also nein, in Österreich gibt es keinen, der so gut ist wie mein Papa.

Wie geht es in nächster Zeit für dich weiter?

Ich habe am 19. Juni einen Bundesligawettkampf und am 3. Juni Staatsmeisterschaft. Dazwischen steht eine Woche Urlaub am Programm. Im September ist dann die U23-Europameisterschaft in Finnland.

Hast du nach der Enttäuschung, nicht zur Olympiade zu fahren, nie darüber nachgedacht, ein wenig Abstand vom Gewichtheben zu gewinnen?

Schon, ja. Du bereitest dich einfach so lange auf Olympia vor und zwei Monate vor der Olympiade wird dir dein Ziel vor deiner Nase weggeschnappt. Vor allem gleich nach dem Wettkampf war es extrem schwer. Ich bin im Bett gelegen und habe mich gefragt, wofür ich jetzt überhaupt noch aufstehen soll. Aber jetzt geht es langsam schon wieder.

Du hast immer gesagt, du willst den Sport bis 2024 betreiben und danach eine Familie gründen. Hörst du vor oder nach den Olympischen Spielen in Paris auf?

Vorzugsweise danach. Aber wenn es so aussieht wie jetzt, dass ich nicht zur Olympiade fahren kann, dann davor.

Also Paris 2024 ist dein neues Fernziel?

Es wird noch schwieriger, weil die Gewichtsklassen gekürzt werden. Also muss ich entweder viel abnehmen oder viel zunehmen, um in einer Gewichtsklasse eine Chance zu haben. Aber zuzunehmen ist sicherlich nicht mein Ziel.