Pielachtal: Auf den Teller statt in die Tonne. Während sich manche Lebensmittel nicht leisten können, werfen andere sie weg. Tafel Kirchberg hilft.

Von Maria Prchal. Erstellt am 16. Juni 2021 (04:00)
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Bei der Ausgabestelle der Team Österreich Tafel in Kirchberg waren am vorigen Samstag die Helferinnen Hermine Pichler, Christine Weinberger und Hermine Kollermann (von links) im Einsatz.
Hackner, Hackner

Knuspriges Brot, frische Eier, dralle Mandarinen – das ist kein Einkaufszettel, sondern das, was der Umweltverband Bezirk St. Pölten so im Restmüll der Menschen entdeckt. Amtsleiter Johann Freiler erzählt, dass vor allem in großen Wohnhausanlagen die Mülltrennung schlecht funktioniere: „Es ist egal, wo – auch in den kleineren Pielachtal-Gemeinden.“ Und während die einen ihren Einkauf wegwerfen, können sich die anderen die Grundversorgung nicht leisten.

Deswegen gibt es die Team Österreich Tafel des Roten Kreuzes in Kirchberg. Jeden Samstag fahren die Leiterinnen Susanne Sunk und Anita Riegler von Geschäft zu Geschäft und holen sich kistenweise Ware ab, die sonst im Müll landet. Im Rotk-reuz-Haus in Kirchberg werden dann einmal wöchentlich die Lebensmittel gratis an Bedürftige weitergegeben. Die Ware hat zwar knapp ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, ist aber noch genießbar.

„Bei uns am Land ist die Schamschwelle doch hoch, wir kennen uns ja alle.“

Vor fast neun Jahren hat Sunk die Tafel mit ins Leben gerufen: „Das war unsere Initiative, um Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken.“ In Kirchberg befindet sich die einzige Tafel im Bezirk St. Pölten, und sie ist eine der kleinsten im Bundesland. Trotzdem retten Sunk und ihr Team an Freiwilligen bis zu 180 Kilogramm Lebensmittel in der Woche. Die rund 20 Ehrenamtlichen holen die Ware ab, packen sie in Kisten und verteilen sie. Um 17 Uhr geht die Abholtour los: Billa, Bipa, DM und Spar in Kirchberg sowie Hofstetten-Grünau machen mit, genauso die Bäckerei Penzenauer und die Konditorei Bachinger. Um 18 Uhr kommen dann die Betroffenen. Vor Covid konnten sie sich aussuchen, was sie mitnehmen wollten. Jetzt wird die Ware in Schachteln abgepackt.

Während der Corona-Zeit hat die Tafel weitergemacht: „Wir waren die Grundversorgung.“ Einerseits würden viele Geflüchtete kommen, andererseits Mindestpensionisten. Nur: „Bei uns am Land ist die Schamschwelle doch hoch, wir kennen uns ja alle.“ Im letzten Jahr hat sich die Zahl trotzdem auf rund 30 Personen verdoppelt. Sunk weiß, dass ebenso Menschen, die vielleicht auf den ersten Blick nicht so wirken, von der Tafel abhängig sein können: „Auch wenn der Mann gut verdient, muss die Frau nichts davon sehen. Er geht ins Wirtshaus und sie muss zu uns kommen.“ Die Kunden wissen, sie bekommen keine schlechten Lebensmittel. „Nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum schon vorüber ist, heißt das noch nichts“, appelliert Sunk an den Hausverstand. Vor allem Obst, Gebäck und Milchprodukte würden bei ihnen landen.

„Auch wenn der Mann gut verdient, muss die Frau nichts davon sehen.“ Susanne Sunk, Team Österreich Tafel Kirchberg

Die Team Österreich Tafel in Kirchberg hat eine Kooperation mit Lilienfeld, die wiederum mit dem Spar Zentrallager zusammenarbeitet. „Wenn dort bei einer Charge auch nur ein Produkt fehlerhaft ist, muss alles weg – oder eben zu uns“, weiß Sunk. So erhalten die Tafeln oft palettenweise Nahrungsmittel. In den letzten 20 Jahren habe sich der Umgang mit Lebensmitteln verschlechtert, meint Sunk: „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nur da, um die Unternehmen abzusichern.“ Der während der Pandemie steigende Trend – hin zu mehr frischen, regionalen Produkten – würde sich in ihrem Kundensegment nicht widerspiegeln: „Das können sich Personen mit wenig Geld nicht leisten.“

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