Bernhard Wurzer: „Corona wird Teil des Alltags“. ÖGK-Generaldirektor Bernhard Wurzer über die Freiheit nach der Pandemie, den geforderten Impf-Dialog sowie Telemedizin ab 2022.

Von Daniel Lohninger. Erstellt am 16. Juni 2021 (03:08)
Bernhard Wurzer
Der St. Pöltner Bernhard Wurzer ist Generaldirektor der Österreichischen Gesundheitskasse. Im NÖN-Gespräch sagt er zum ÖGK-Impf-Video: „Wir lassen uns den Begriff Freiheit nicht wegnehmen.“ 
ÖGK/Kossow

NÖN: Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) hat eine große Kampagne für die Corona-Impfung gestartet. Warum?

Bernhard Wurzer: Wir wollen als ÖGK unseren Beitrag leisten, dass die Impfbeteiligung so hoch wie möglich wird. Wir wollen vor allem junge Menschen erreichen. Sie wurden in der Debatte vernachlässigt. Es besteht aber insgesamt die Gefahr, dass mit jedem weiteren Öffnungsschritt das Impfen aus den Köpfen verschwindet – vor allem auch auf die Zweit-Impfung dann vergessen wird. Deshalb hat DJ MÖWE für uns den Song „Baby lass uns impfen“ kreiert. Das Motto: „Freuen wir uns über die Rückkehr ins normale Leben“.

Für das Impf-Lied gab es nicht nur Applaus, sondern auch Kritik – beispielsweise wurde die Verbindung aus Impfen und Freiheit in die Nähe der Nazi-Diktion „Arbeit macht frei“ gerückt.

Wurzer: Überwiegend waren die Rückmeldungen positiv, die Kids finden es cool und lustig. Dazu kommt, dass das Lied keine Impf-Werbung sein soll, sondern auch zeigen, wo man richtige, qualitätsgesicherte Informationen findet. Und es geht um das Freiheitsgefühl, das das Geimpftsein mit sich bringt. Dass manche Impfgegner und Verschwörungstheoretiker den Begriff Freiheit schlecht machen, ist widerlich. Wir lassen uns den Begriff Freiheit nicht wegnehmen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Impffortschritt in NÖ?

Wurzer: Niederösterreich ist bei Impfanmeldungen, Impffortschritt, aber auch Impfbereitschaft der Bevölkerung gut unterwegs. Generell werden wir in Österreich in der öffentlichen Debatte manchmal unter unserem Wert geschlagen – auch im Vergleich mit anderen Ländern.

Sie haben in der Vorwoche einen nationalen Impfdialog angeregt. Was soll dieser Dialog bringen?

Wurzer: Derzeit ist alles fokussiert auf Impfstraßen, Impfzentren und das Erreichen einer hohen Durchimpfungsrate. Man muss sich aber schon jetzt Gedanken machen, wie es danach weitergeht – wie beispielsweise die Auffrischungsimpfungen laufen werden? Da denke ich, dass es gut ist, wenn sich Bund, Länder und Gesundheitsinstitutionen bald zusammensetzen und sich fragen: Was hat in der Pandemie gut funktioniert? Was kann man mitnehmen? Was wird sich ändern? Wie ist der niedergelassene Bereich einzubinden? Denn Corona wird uns die nächsten Jahre beschäftigen und wie Influenza oder andere Krankheiten zu einem Teil unseres Alltags werden.

Die Corona-Zeit hat einen Schub bei der Digitalisierung gebracht – beispielsweise die elektronische Ausstellung von Rezepten. Was wird davon dauerhaft bleiben?

Wurzer: Die Digitalisierung hat durch Corona einen enormen Schub bekommen, der nachhaltig wirken wird. Und es kommen ständig neue Projekte dazu: Ein Beispiel ist die „visit-e“, ein Pilotversuch für Telemedizin. Hier vereinbart man online einen Termin mit einer Ärztin oder einem Arzt, bekommt dann den Link zu einer Videositzung, in der man über eine sichere Datenleitung die Ärztin oder den Arzt konsultiert. Man erspart sich also den Weg in die Ordination. Ziel ist, „visit-e“ bis 2022 in allen Bundesländern anzubieten.

Wann wird die „visit-e“ in Niederösterreich starten?

Wurzer: Wir sind derzeit in Verhandlungen mit der Ärztekammer und haben eine Ausschreibung für das System laufen. Digitalisierung bleibt aber auch im Zusammenhang mit der Sozialversicherung ein großes Thema. Hier denken wir an eine App, mit der man alles erledigen kann – also die gesamte Sozialversicherung aufs Handy. Und wir wollen mit künstlicher Intelligenz auch die Wahlarztkostenerstattung rascher und effizienter machen. Niemand soll mehr länger als zwei Wochen warten, bis das Geld auf dem Konto ist.

Die ÖGK gibt es seit 2020. Wie weit ist die Zusammenführung der vorher 21 Versicherungsträger zu einer bundesweiten Kasse schon abgeschlossen?

Wurzer: Abgeschlossen ist sie natürlich nicht, das Integrations-Programm läuft bis Ende 2022, und es wird danach sicher weitere Integrationsphasen geben. Wir haben jetzt die Organisationsstruktur und die interne Organisation von der Landesstellenlogik in eine Fachbereichslogik umgestellt. Wir sind dabei, bundesweite Prozesse zu schaffen. Die großen Pflöcke haben wir eingeschlagen, die große Umstellung der Organisation ist gelungen. Die ÖGK ist ein Fels in der Brandung im Gesundheitssystem.

Gibt es noch besonders knifflige Herausforderungen?

Wurzer: Es gibt in jedem Bundesland eine eigene Honorarordnung bei den Ärzten. Das ist gesetzlich so geregelt. Und das wirkt sich natürlich auch auf das Thema Kostenerstattung aus. Da gibt es Erstgespräche mit der Ärztekammer. Das ändert aber nichts an den Leistungen der ÖGK, die bundesweit einheitlich sind. Also es gibt keinen Arzt in Niederösterreich, der irgendeine Leistung nicht macht, während sie in einem anderen Bundesland angeboten wird.