Verein gegründet: Mit Hirten gegen Wolfsrisse. Der Verein „Hirtenkultur“ kämpft für mehr Herdenschutz, denn der sei wichtig für Tierwohl und für die Biodiversität.

Von Maria Prchal. Erstellt am 10. Juni 2021 (05:13)
Wanderschäfer Thomas Schranz mit Hirten, Schafen und Hütehunden auf einer Alm in Tirol.
WWF/Max Rossberg EWS, WWF/Max Rossberg EWS

Sechs Wölfe wurden 2021 in Niederösterreich gesichtet. In Gutenbrunn (Zwettl) gibt es sogar ein neues Paar, und das Rudel in Allentsteig ist auch noch da. Die Wolfpopulation in Österreich wird immer größer, und das lasse sich auch nicht verhindern, meint Christian Pichler, Wolfsexperte des World Wildlife Fund WWF. Deswegen müsse sich der Mensch und vor allem die Bauern überlegen, wie sie mit dem Tier leben können.  Wichtig sei dafür die Wiederbelebung des traditionellen Hirtenwesens.

Genau dafür kämpft der niederösterreichische Landwirt und Gründer des Vereins „Hirtenkultur“ Stefan Knöpfer: „Behirtung schützt Nutztiere vor Krankheiten, Unwetter oder Steinschlag. Das sind sehr viel häufigere Todesursachen als Wölfe.“

„Behirtung schützt Nutztiere vor Krankheiten, Unwetter oder Steinschlag. Das sind viel häufigere Todesursachen als Wölfe.“ Stefan Knöpfer, Landwirt

Es sei schade, dass es Wolfsrisse brauche, um das Thema aufs Tapet zu bringen. Gelenkte Beweidung sei auch gut für die Natur, denn sie führe zu weniger Bodenerosion und mehr Biodiversität. 

Auch der Wolf habe eine positive Aufwirkung auf die Umwelt, „Gesundheitspolizei des Waldes“ nennt ihn WWF-Biologe Pichler. Ist der Wolf da, sind beispielsweise die Rehe vorsichtiger und es käme zu weniger Verbiss, führt Knöpfer aus. Außerdem: nur Einzeltiere müssten Haus- und Nutztiere angreifen. Gibt es Rudel, sind die stark genug, um Wildtiere zu jagen. Mehr Wölfe wären also paradoxerweise eine Lösung für weniger Risse.

Knöpfer, der seinen Hof in Mahrersdorf (Bezirk Neunkirchen) hat, meint, Österreich habe einfach verlernt, mit großen Beutegreifern umzugehen. Der 36-Jährige hat sich in verschiedenen Ländern Ost- und Südeuropas angeschaut, wie dort mit Bär, Luchs und Wolf verfahren wird: „Was wir versuchen, neu zu erfinden, haben sie dort nie verlernt.“ Elementar sei das Hirtenwesen. Sogar in Deutschland gäbe es noch die Wanderschäferei. Nur Österreich setze auf immer neue Technologien, anstatt Altbewährtes wiederzubeleben. 

Durch den Wolf kommt jetzt Fahrt in die Sache. Vergangenes Jahr gründete Knöpfer gemeinsam mit Gleichgesinnten den Verein „Hirtenkultur“. Geboren wurde die Idee im Naturpark Sierningtal-Flatzer Wand.

Wiederbelebung der Hutweide als eine der Forderungen

„Gemeinsam mit der Naturschutzabteilung des Landes und der eNu sind wir draufgekommen, dass es eigentlich etliche Flächen zum Beweiden gäbe.“ Deswegen gibt es jetzt den Verein, der Personen mit zu beweidenden Flächen und Personen mit Schafen, Hirten, Ziegen und Co. in Ostösterreich vernetzt.

Eine Forderung von „Hirtenkultur“ ist es, die Hutweide wiederzubeleben. „Das heißt, ein Hirte sammelt die Herden von verschiedenen Bauern ein“. Für das Ländliche Fortbildungsinstitut LFI NÖ plant der Verein einen Hirtenkurs: „Die Anforderungen im Osten sind ganz anders als im alpinen Bereich. Wir haben mit der Zersiedelung zu kämpfen: Wie bringe ich meine Tiere durchs Ortsgebiet oder über Straßen und Gleise?“ Dass es funktionieren kann, hat Knöpfer in seiner Kindheit in Schwechat beim letzten Hirten der Stadt gesehen, der die Schafe neben den Gleisen grasen ließ.

Will Österreich mehr Hirten, brauche es aber auch bessere Bezahlung und Infrastruktur, so Pichler und Knöpfer. Landwirte könnten ohnehin kaum mehr von ihren Produkten leben, deswegen müsse es für Hirten Förderungen geben. Knöpfer sieht den enormen Druck, der auf den Bauern lastet, auch als Grund dafür, warum das Wolfsthema so emotionalisiert ist: „Es ist das Tüpfelchen auf dem i.“