Natur als Vorbild bei Tierhaltung. Normale Tierhaltung ist für Gottfried Rögner und Viktoria Hofbauer jene, die sich am Vorbild der Natur orientiert.

Von Christoph Szeker. Erstellt am 28. Juli 2021 (04:29)

Kühe und ihre Kälber überqueren eine Nebenstraße in Obersdorf. Sie verlassen den Stall des Bauernhofes von Gottfried Rögner und Viktoria Hofbauer, um zur Weide auf der anderen Straßenseite zu gelangen. Ein äußerst unüblicher Anblick für das Weinviertel: Unter den wenigen Bauernhöfen mit Rinderhaltung, die es hier gibt, ist vermutlich kein zweiter zu finden, der so arbeitet, wie es Gottfried und Viktoria tun.

Arbeitsabläufe nach dem Schema F sind in ihrem Betrieb kaum zu finden. Vieles im „MILCH.KASinO“, das steht für „Milch Kas in Obersdorf“, ist unüblich, wählt man den landwirtschaftlichen Standardbetrieb als Vergleich: Die Tiere tragen ihre Hörner bis sie sterben, die jungen Kälber werden bei ihren Müttern groß gezogen.
„Keine Hektik im Stall“, ist das Motto von Viktoria und Gottfried: „Wir haben das Wort Stress aus unserem Sprachgebrauch gelöscht“. Das heißt allerdings nicht, dass den beiden den ganzen Tag über nichts zu tun hätten. Vor der Käserei im Hof in Obersdorf steht ein Liegestuhl – „zwei Minuten hat er ihn schon verwendet“, scherzt Viktoria, und verdeutlicht damit zugleich, wie viel zu tun ist.

„Wir haben das Wort Stress aus unserem Sprachgebrauch gelöscht.“Gottfried Rögner und Viktoria Hofbauer, Landwirte

An Freitagen und Samstagen öffnen die Landwirte ihren Hofladen. An den anderen Tagen sind sie mit Äckern, Futter, Viehtränken, Weidepflege, Hygienemaßnahmen, Melken, Käseherstellung, Buchhaltung, Reparaturen und vielem mehr beschäftigt. Hin und wieder kommt Besuch.
„Wenn Interessierte unseren Betrieb besichtigen, stellen wir immer wieder fest, dass es gar nicht auffällt, dass unsere Kälber direkt am Euter trinken, dass unsere Rinder behornt sind und silagefrei gefüttert werden“, erläutert Viktoria. Für sie und Gottfried steht daher fest: Was Besucher ihres Hofes sehen, muss für diese so normal erscheinen, dass es nicht weiter auffällt.

Und das, obwohl vermutlich die wenigsten Menschen mit der Lebensweise der Rinder vertraut sind oder eine Begegnung mit den Tieren hatten. Eine solche Begegnung auf der Weide beim Hochleithenwald, von Alters her als „Kiaberi“ bekannt, ist alles andere als alltäglich: Die Tiere bewegen sich langsam, sich ihnen anzunähern erfordert Geduld. Kommt man ihnen näher, lässt sich zu jedem Mitglied der Herde eine Bewegungszone finden. Tritt man zu schnell in diese Zone ein, wenden sich die Rinder ab. Als Unkundiger fühlt man sich zwischen den großen, schweren Säugern mindestens ein wenig unsicher. Viktoria ist die Begegnung hingegen gewohnt, kommt den Rindern aber nur nahe, wenn diese das wollen.

Streicheltiere sind woanders zu Hause

Dass die Tiere von Gottfried und Viktoria so vorsichtig sind, liegt an der naturnahen Haltung: „Sie werden nicht wie Streicheltiere behandelt, denn es sind keine Streicheltiere und der Mensch ist nicht Teil der Herde.“ Die Rinder sind für die beiden Landwirte keine Angestellten oder Arbeiter, „unsere Rinder sind unsere Basis“. Was Viktoria und Gottfried nehmen, möchten sie auch wieder zurück geben. Als Gegenleistung für die Milch werden die Kühe nicht ausgebeutet, damit sie lange und gesund leben – die Milchkurven müssen nicht hoch sein.

Der Betrieb, wie er heute im „MILCH.KASinO“ abläuft, nahm 2012 seinen Anfang: Damals lernten sich Gottfried und Viktoria kennen. Sie besuchten beide den „Zertifikatslehrgang Almpersonal“. Damit begann für sie ein neues Lebenskapitel.

Für Gottfried insofern, da mit Viktorias Eintritt in den landwirtschaftlichen Betrieb viele alte Betriebsabläufe hinterfragt wurden. Gottfried stand den Fragestellungen allerdings sehr offen gegenüber und genießt es heute, Abläufe immer wieder aufs Neue zu überdenken. „Es genügt nicht, zu sagen: ‚Ich mache es, weil es immer so war‘“, sagt er.
Viktorias Leben änderte sich 2012 grundsätzlich: Sie war bis dahin Angestellte im Sekretariat einer Baufirma und kannte das Weinviertel für seinen Wein, das Getreide und Früchte wie die Rüben. Doch das sollte sich ändern: Zwei Berufsinteressenstests haben Viktoria den Weg in die Landwirtschaft nahegelegt. Nachdem sie Gottfried am Lehrgang für Almpersonal kennengelernt hatte, lud dieser sie zum Käsemachen nach Obersdorf ein. Viktoria war von ihrem ersten Käse begeistert, sie erinnert sich an die Freude, mit den eigenen Händen etwas Greifbares erschaffen zu haben. Damit war das Ende ihres alten Berufslebens besiegelt. Heute ist sie sich sicher: „Ich habe den schönsten Hilfsarbeiterjob der Welt.“

Das Ergebnis der Beziehung Gottfried-Viktoria ist ein kleiner, überschaubarer und geordneter Betrieb, welchen die beiden nach den Idealen der Ehrlichkeit und Verantwortung führen – Verantwortung für Boden, Tiere und Menschen. „Das ist für uns ein ausgefülltes, schönes Leben und dafür braucht es keinen größeren Betrieb.“
Etwas Kritik am Wirtschaftssystem ist dennoch geblieben: „Die Landwirtschaft ist einer der wenigen Berufsstände, die erst nach der Leistung wissen, was sie bekommen.“ Dafür können Gottfried Rögner und Viktoria Hofbauer sicher sein, dass sie ihren Rindern ein schönes Leben ermöglichen, solange diese Tag für Tag vom Stall auf die Weide und wieder zurück gehen, dabei Hörner am Haupt tragen und mit ihren Kälbern gemeinsam leben.