Martha Keil: Ein Leben für die jüdische Geschichte. Martha Keil will die jüdische Geschichte St. Pöltens begreifbar machen und sorgt dafür, dass einstige St. Pöltner in Erinnerung bleiben.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 11. November 2020 (04:39)
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NÖN-Herausgeberin Gudula Walterskirchen (links) und Chefredakteur Daniel Lohninger überreichten Historikerin Martha Keil den NÖN-Leopold in der Kategorie Wissenschaft.
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Die Synagoge in der Renner-Promenade gehört zum Stadtbild. An mittlerweile 31 Plätzen erinnern goldene Messingplatten an die jüdische Geschichte St. Pöltens. Obwohl Hans Morgenstern der mittlerweile letzte Vertreter dieser Glaubensgemeinschaft in der Stadt ist, ist die jüdische Vergangenheit hier präsent. Dafür sorgt Martha Keil, die diesjährige Leopold-Preisträgerin in der Kategorie Wissenschaft.

Im Bedenkjahr 1988 wurde der Beschluss über die Errichtung eines Instituts für jüdische Geschichte Österreichs (heute: Injoest) gefasst. Seither ist das ein fester Bestandteil von Martha Keils Leben. Kurze Zeit nach dessen Gründung wurde es zum Bestandteil St. Pöltens. Zu Beginn war Keil neben Gründungsdirektor Klaus Lohrmann die einzige Injoest-Mitarbeiterin. „Da haben wir noch in seinem Wohnzimmer gearbeitet“, lacht die Historikerin. Mit der einige Jahre zuvor sanierten Synagoge war jedoch bald ein geeigneter Ort zur Erforschung der jüdischen Kultur und Geschichte gefunden.

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Seit Jahren wird in der Synagoge geforscht, bald soll sie für die Bürger besser zugänglich sein.
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In den vergangenen Jahren ist das Institut gewachsen – seit 2004 unter Keils Leitung. Unterstützung bekommt die Historikerin heute von zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie selbst sorgt dafür, dass Angehörige von St. Pöltner Juden einander treffen und nach St. Pölten kommen. Außerdem sucht sie die Gräber der einstigen St. Pöltner (sofern vorhanden) und beleuchtet ihre Geschichten. Damit die Menschen nicht in Vergessenheit geraten, hat sich Keil für Gedenkzeichen starkgemacht. Seit 2018 gibt es an den letzten Adressen von St. Pöltner Juden Steine der Erinnerung.

Bei ihrer Arbeit verfolgt Keil ein großes Ziel: „Mir ist es wichtig, begreifbar zu machen, dass die jüdische Geschichte ein integraler Bestandteil der Geschichte ist“, sagt sie, „mein Wunsch ist, dass das jeder weiß.“ Schließlich könne man von dem Teil der Historie vieles lernen – für die eigene Identität, als Gruppe und als Staat.

In einer Wissenschaftsblase verschwinden die Erkenntnisse des Injoest nicht. Mit Schul- oder Bürgerforschungsprojekten sowie Vorträgen sorgt das Institut dafür, Erkenntnisse einer möglichst breiten Masse zugänglich zu machen. Noch besser gelingen soll das durch neue Funktionen der alten Synagoge.

Die alte Synagoge wird neu genutzt

Umgesetzt wird in dem Gebäude bis 2024 das Konzept Geschichte – Gedenken – Gegenwart. In der Synagoge, die dann fixe Öffnungszeiten haben wird, sollen jüdische Geschichte, aber auch jüdische Gegenstände mithilfe von Medien gezeigt werden. Keil will dort auch die Biografien von St. Pöltner Juden zeigen. Zudem sollen Jugendgruppen, aber auch Menschen verschiedener Kulturen in dem Gebäude zusammenkommen – nicht umsonst heißt Synagoge Versammlung, betont Keil. Hebräisch hat die Historikerin übrigens gelernt: „Nicht perfekt, aber ich komme durch.“