Ein Jahr Gefängnis nach Selbstjustiz. Eine Familienfehde im Bezirk Hollabrunn artete aus. Polizei und Justiz hatten dabei keinen leichten Stand.

Von Christian Pfeiffer. Erstellt am 22. Juli 2021 (05:43)
Gericht
NOEN, APA, (Archiv, Pfarrhofer)

Ein Gerücht, ein ungeheurer Verdacht, der einen Keil in eine weitverzweigte Familie im Bezirk Hollabrunn getrieben hat, war am 8. Mai dieses Jahres die Ursache für die Anklage von vier Familienmitgliedern am Landesgericht Korneuburg. Der Verdacht: der sexuelle Missbrauch einer 12-Jährigen. Die Reaktion: Fünf Personen, teils alkoholisiert, setzen sich in ein Auto, um die Anschuldigungen zu klären, und fahren zur vermeintlichen Täterfamilie.

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Hatte in der Schuldfrage keine Zweifel: Richter Rainer Klebermaß. Archiv
NÖN-Archiv

Für jeden der vier Angeklagten im Alter von 19 bis 39 Jahren rückte ein Verfahrenshelfer aus – in diesem Fall die Hollabrunner Anwälte Nicole Feucht, Gunter Österreicher, Stefan Schlager und Larissa Kaminski. Und dass der Beruf des Rechtsanwalts, inklusive der Verpflichtung zur Verfahrenshilfe, keineswegs immer leicht ist, zeigte sich an dem Verfahren exemplarisch. Obwohl bei dem Vorfall Polizisten zugegen waren, verantworteten sich die vier vor Richter Rainer Klebermaß ausweichend.

36-Jähriger stieg aus und zerriss sein Leiberl

„Ich hab’ niemandem was g’macht“, „nur g’schimpft“ oder „es hat keiner was gemacht“ bekam Klebermaß zu hören. Die Gretchenfrage, in welcher Form sie diese Angelegenheit klären wollten, wie die vier immer wieder betonten, konnten sie nur unzureichend beantworten. Ein deutlicheres Wort sprach da indirekt das Verhalten der vier Angeklagten an diesem Tag. Für die beiden Polizisten, die bereits vor Ort waren, als das Fahrzeug eintraf, deutete alles auf Selbstjustiz hin.

Als der 36-jährige hauptangeklagte Hilfsarbeiter aus dem Auto stieg, hat er sich erst mal sein Leiberl zerrissen. Ein Umstand, der es Klebermaß schwer machte, an eine sachliche Klärung des Konflikts zu glauben. Die Aggressionsbereitschaft ging so weit, dass sich der 57-jährige Beamte erstmals in seiner Dienstzeit veranlasst sah, zum Pfefferspray zu greifen. Dass es danach keineswegs deeskalierender zuging, zeigt die Tatsache, dass Polizeistreifen aus Retz, Untermarkersdorf und Guntersdorf als Verstärkung notwendig waren, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Angeklagter verurteilt: „Ungerecht!“

Klebermaß, der es neben dem grenzwertigen Verhalten der Angeklagten, die wahlweise dazwischenredeten oder provokant herumlümmelten, auch mit Opfern zu tun hatte, die sich aufgrund der Verwandtschaft mit den Angeklagten der Aussage entschlugen, konnte sich eine kleine Sottise nicht verkneifen: „So übel sind die doch gar nicht.“ An der Schuld wegen versuchter schwerer Körperverletzung und gefährlicher Drohung war nicht zu rütteln.

Der Hauptangeklagte wurde schließlich zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt, was die drei anderen angeklagten Frauen, die neun beziehungsweise acht Monate auf Bewährung ausfassten und auf Rechtsmittel verzichteten, zu Kommentaren wie „ungerecht“ und „unfair“ animierte. Aber da hatte manch Verfahrenshelfer den Gerichtssaal schon verlassen.