Von der Idee zur Umsetzung. Wildnisgebiet-Geschäftsführer Christoph Leditznig und Altbürgermeister Martin Ploderer über ihr Projekt, Geld und die Hürden.

Erstellt am 11. Mai 2021 (10:39)

NÖN: Knapp 10 Jahre nach der Idee wird das Haus der Wildnis nun eröffnet. Wie entstand der Gedanke, mitten in Lunz dieses Vorzeigeprojekt zu errichten?

Christoph Leditznig: Wie viele Besucher leidvoll erfahren müssen, können pro Jahr nur wenige Gäste das Wildnisgebiet selbst besuchen. Daher wurde von meinem Team und mir die Idee eines Zentrums geboren, um nicht die Besucher ins Wildnisgebiet, sondern das Wildnisgebiet zu den Leuten zu bringen. Mit Martin Ploderer, aber auch mit LH-Stellvertreter Stephan Pernkopf fand ich zwei Partner, die dieser Idee sehr viel abgewinnen konnten und dafür bin ich sehr dankbar. Bei der Standortsuche war schnell klar, dass sich die „Ruine“ im Zentrum von Lunz dafür anbietet, es jedoch eines guten Konzeptes bedarf, um den Platz mit Leben füllen zu können. Um dies gewährleisten zu können, holten wir auch den Wassercluster Lunz und den Tourismusverein Ybbstaler Alpen mit ins Boot. Beide werden zukünftig bei der Bespielung des Hauses der Wildnis eine große Rolle spielen.

Welche Hürden mussten seitens der Gemeinde Lunz am See überwunden werden?

Martin Ploderer: Die Voraussetzung für das Gelingen dieses Projektes war der Erwerb des passenden Grundstückes mit dem bestehenden Kellergeschoss („Baustelle Kirchenwirt“) in der Ortsmitte. Dieser Kauf musste zu einer Zeit geschehen, als natürlich noch nicht alle Details des Projektes festgelegt waren. Ich war aber vom ersten Moment an von der großen Chance für die Region überzeugt und begeistert. Dass der Gemeinderat diesen Kauf ohne Zustimmung der Opposition beschließen musste, war für mich unverständlich, hat aber Gott sei Dank die weitere positive Entwicklung des Projektes nicht beeinflusst.

Wie blicken Sie auf die Planungsphase zurück?

Leditznig: Die Planungs-, aber auch die Umsetzungsphase waren sehr intensiv. Trotzdem war speziell die Planungsphase ein sehr interessanter und innovativer Prozess. Mein Team hat gemeinsam mit den Ausstellungsplanern, die es sicher nicht immer leicht mit uns hatten, und der Gemeinde Lunz monatelang am Konzept gefeilt. Vorab galt es zu klären, machen wir eine museale Ausstellung, wo wir versuchen, die Natur nachzubauen, oder – und diesen Weg sind wir gegangen – bringen wir die Wildnis den Menschen auf eine Art näher, die so nicht erwartet wird. Wir haben uns dafür entschieden, sehr viele moderne Medien einzusetzen, um auch die Jugend ansprechen zu können. Ich hoffe, dass uns dies gelungen ist. Wir haben aber auch auf alle anderen interessierten Besucher nicht vergessen. Der Mix aus modernen Medien und „herkömmlichen“ Ausstellungselementen, wie Informationstafeln, sollte es ermöglichen, dass jeder etwas findet, das sein Interesse wecken wird.

Es gab ja mehrere mögliche Standorte für den Bau. Was gab schlussendlich den entscheidenden Ausschlag für die Gemeinde Lunz am See?

Ploderer: Es gab und gibt viele Gründe für den gewählten Standort. Ich kann hier nur auf einige besonders wichtige eingehen. Dazu zählen die Verfügbarkeit eines passenden Grundstücks in der Ortsmitte mit gut erhaltenem großem Kellergeschoss samt Tiefgarage, das von der Gemeinde eingebracht wurde. Die Kooperation mit dem Wassercluster war ebenfalls ein entscheidender Standortvorteil. Der wichtigste Punkt war aber sicher die hervorragende Zusammenarbeit zwischen Wildnisgebiet, Gemeinde, Land und privaten Unterstützern der ersten Stunde, wie der Firma Frischeis und besonders dem Architektenbüro Maurer.

Welche Wege ist man bei der Finanzierung gegangen?

Leditznig: Es war von vorneherein klar, dass wir das Haus nur dann realisieren können, wenn wir auch hier einen neuen Weg gehen und das bedeutete, dass wir auf private Spender und Sponsoren setzen müssen. Wir sind daher Werbekampagnen zur Unterstützung des Hauses gefahren, aber vor allem haben viele persönliche Gespräche dazu geführt, dass das Haus der Wildnis beinahe zu 50 % aus Privatmitteln finanziert werden konnte. Wir schafften es, sehr viele Firmen und Einzelpersonen für die Idee zu gewinnen. Die Höhe der Einzelspenden reichte dabei von 50 Euro bis 200.000 Euro. Ich will nicht verschweigen, dass wir dafür auch manchmal kritisiert wurden, weil man laut Ansicht der Kritiker das Geld auch anders einsetzen hätte können. Wir sind aber diesen Weg gegangen und es ist uns gelungen, so manche Firma und so manchen Spender an das Haus der Wildnis und an das Wildnisgebiet zu binden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dies mehr wert ist als die Spende selbst.

Die zur Realisierung des Zentrums fehlenden Geldmittel stellten die EU, das Land NÖ, Gemeinde und der Bund. Dieser Mix macht es auch aus, dass sich sehr viele Menschen mit dem Haus der Wildnis identifizieren.

Ploderer: Ja, dem kann ich nur zustimmen. Ohne die Unterstützung einiger Großspender wäre dieses Projekt nicht zu verwirklichen gewesen. Besonders gefreut haben mich aber die Spenden von vielen Privatpersonen aus der Gemeinde und der Umgebung und das Sponsoring von Lunzer Firmen und Unternehmen aus der Region sowie die Unterstützung von vielen Gemeinden aus dem Bezirk und darüber hinaus. Herzlichen Dank allen Helfern!

Auch seitens des Landes NÖ und des Bundes sowie zahlreicher Sponsoren gab es viel Unterstützung für das Haus der Wildnis. Mit welchem Gefühl steht man nun vor dem fertigen Objekt?

Leditznig: Die Idee des Zentrums wurde 2011 geboren, daher will ich nicht verhehlen, dass ich etwas erschöpft bin, aber auch überaus glücklich und dankbar!

Ploderer: Jedes Mal, wenn ich mit dem Rad vorbeigefahren oder vorbeigegangen bin, freute ich mich über den raschen Baufortschritt. Seit ich aber vor Kurzem zum ersten Mal die fast fertige Ausstellung gesehen und die motivierten Mitarbeiter kennengelernt habe, bin ich richtig begeistert! Alle „Mühen der Ebene“ sind vergessen. Die vielen schönen Momente der Planungsphase tauchen vor dem inneren Auge auf und über die entstandenen persönlichen Freundschaften freue ich mich immer wieder.

Was bedeutet das Haus für das Wildnisgebiet? Welche Zukunftsvisionen gibt es?

Leditznig: Wie bereits erwähnt, können wir im Wildnisgebiet selbst nicht alle Besucherwünsche erfüllen. Auch durch die Erweiterung im steirischen Lassingtal, welche der zweite Meilenstein im Jahr 2021 für die Wildnisgebietsverwaltung ist, wird sich diese Situation nur bedingt ändern können. Daher wird das Zentrum all jenen, die nicht gleich ins Wildnisgebiet können, ermöglichen, dieses im Haus der Wildnis zu erleben. Zum Beispiell haben wir durch Virtual Reality-Brillen versucht, den Leuten einen Eindruck zu geben, wie es im Urwald aussieht. Die Brillen ermöglichen das Erlebnis einer 360-Grad-Rundumsicht und in Zeitraffer den Ablauf eines „Urwaldtages“. Im Haus werden die Leute aber auch darauf hingewiesen, welch schöne und sehenswerte Ausflugsziele es abseits des Wildnisgebietes in der Region gibt.

Visionen gibt es derzeit viele. Diese reichen von Besucherzahlen für das Zentrum jenseits der 30.000 bis hin zu weiteren Flächen, die ins Wildnisgebiet integriert werden. Meine Wünsche für das Wildnisgebiet würden den Rahmen dieses Interviews leider sprengen.

Mit dem Haus der Wildnis hat die Gemeinde Lunz am See ein weiteres Zugpferd im Tourismus. Was erhoffen Sie sich dadurch?

Ploderer: Das Haus der Wildnis passt perfekt zur touristischen Ausrichtung als Kultur- und Bergsteigerdorf. Als wetterunabhängiges Ausflugsziel wird die gesamte Region profitieren. Ich glaube, dass durch viele Ausflüge und das umfangreiche Angebot für die Schulen die Gästefrequenz besonders außerhalb der Hochsaison steigen wird. Für die Gemeinde ist weiters die Belebung des Ortskernes außerordentlich wichtig. Das Haus der Wildnis war ja auch der Anstoß für die meiner Meinung nach sehr gelungene Neugestaltung des gesamten Umfeldes und für private Investitionen wie z.B. das Hotelprojekt am Kirchenplatz.

Wenn es uns (den „Ybbstaler Alpen“) gelingt, dieses einzigartige Projekt in Verbindung mit den vielen bereits gut funktionierenden Ausflugszielen der Region gut zu vermarkten, stehen unsere Gemeinde und das ganze Ybbstal vor einem touristischen und wirtschaftlichen Aufschwung.