Pils im Gespräch: „Aber es gibt jetzt drei Eisläden“. Richard Pils vom Verlag „Bibliothek der Provinz“ im Sommer-Talk über Digitales, Historisches, Lesenswertes – und Buchläden.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 01. August 2021 (05:26)

Der Sommer ist Lesezeit – also genau die richtige Zeit für einen Plausch mit einem Verleger. Richard Pils (74), früherer Volksschuldirektor, der 1989 in Großwolfgers (Gemeinde Weitra) den Verlag „Bibliothek der Provinz“ gründete und diesen schließlich in die gemeinsam mit einem Partner erworbene „Eisenberger Fabrik“ in die Litschauer Straße nach Gmünd verlegte, im NÖN-Gespräch über…

Das Kaufverhalten im digitalen Zeitalter

Es gab früher in Wien mehrere hundert Schallplattengeschäfte. Wo willst du heute eine CD kaufen? Es gibt nur noch kleine Läden für eine Elite. Ähnlich verhält es sich bei Büchern. Alleine in Gmünd gab es einst drei Buchhandlungen, nur eine blieb. Aber es gibt jetzt drei Eisläden, und alle funktionieren. Auch der Libro war einmal mit Literatur sehr gut bestückt. Es ist erschütternd, dass es in Weitra gar keine Buchhandlung mehr gibt. Kinder, die dort umherlaufen, sehen Bücher vielleicht in der Schule, aber sie sind keine Bestandteile ihres Lebens mehr.

„Ja, es geht mir um Wahrnehmung und Wertschätzung. Man muss das Kleine wahrnehmen, weil es ist so entscheidend.“ Richard Pils

Insgesamt geht der Buchverkauf nicht wirklich zurück, aber der durchschnittliche Bürger schaut sich im Internet alles Mögliche an, und der Kauf läuft nur noch wenig über die kleinen Buchhandlungen. Dort erwirtschaften wir aber das Geld für die Kosten der meisten unserer Bücher. Die Intellektuellen bestellen dann, weil es in der Peripherie zwischen Wald-, Wein-, Mostviertel- und Industrieviertel ja kaum mehr Buchhandlungen gibt, wohl oder übel über Amazon – und dort haben sie die Garantie, in zwei, drei Tagen das Buch zuhause zu haben.

Kommunikation im digitalen Zeitalter. Man hat immer erwartet, dass mit der Digitalisierung der Papierberg kleiner werden würde. Jetzt hat man zwei Berge, ich stehe um fünf Uhr auf und beginne, Mails zu bearbeiten, aber das ist nie zu Ende. Man generiert mit jedem Mail das nächste Mail, kommt aus der Mailserie mit gewissen Leuten gar nicht mehr heraus. Neue kommen dazu, in meinem Fall bei über 3.000 Autoren… das kann man nicht bewältigen bei so wenig Lebenszeit. Der Tag ist viel zu kurz. Ein hoher Prozentsatz ist überhaupt nicht notwendig.

Kriterien, nach denen über das Verlegen eines neuen Buches entschieden wird. Es gibt ein Buch eines Berliner Autors zu dem Thema. Der hat von sich aus eine Fülle aus unseren bisher ungefähr 2.000 Büchern gekauft und Textstellen herausgesucht, sie unterschiedlich geordnet, bis sich ein roter Faden ergab. Der ist bei mir nicht politisch determiniert, auch nicht ideologisch oder religiös oder programmatisch. Er spiegelt eher indirekt einen gewissen Kosmos meiner eigenen Persönlichkeit wider.

Ich habe viele große Autoren, bei denen ich weiß, dass ich sie ohne sehr hohen Aufwand gut verkaufen kann. Würde ich meinen Schwerpunkt auf sie setzen, dann wäre es einfach. Aber ich komme zu wenig dazu, weil ich immer wieder an gewissen Sentimentalitäten hängen bleibe. Das bereue ich nicht, ich möchte nur, dass ich es wirtschaftlich auch schaffe (lacht). Andererseits erscheinen die bekannten Autoren sowieso, dafür brauchen sie mich also nicht.

Wenn einer wie Rupert Mörzinger vom Ziegelwerk bei uns im Dorf Geschichten schreibt und dichtet, bei der Hochzeit ein Sprücherl aufsagt und im Dorfgeschehen alles vom Maibaumaufstellen beginnend managt, dann will ich ihn einfach würdigen. Daher gibt es über Großwolfgers wenigstens dieses kleine Büchlein, wo halt etwas erzählt und auch die Geschichte des Dorfes beschrieben wird.

Die Bereitschaft, ein Buch zu verlegen, hat viel mit Wahrnehmung zu tun – mit einem Thema, das mich interessiert und bewegt. Aber die Wahrnehmung wird zu einer Ware, und die Ware muss bewirtschaftet werden – das sind die beiden Uhrzeiger. Und wenn man periphere Themen wahrnehmen will, braucht man von irgendwoher Unterstützung, weil das Periphere einfach nicht wirtschaftlich ist.

Die Finanzierbarkeit von Publikationen. Wir leben in einem kleinen Staat, die österreichische Sprache ist ein singuläres Ereignis innerhalb der deutschen Sprache. Dieses singuläre Ereignis kann man schwer groß verkaufen, weil es ab einer gewissen Entfernung von Österreich kaum mehr gelesen werden kann – es sei denn, ein Autor kann wie Bernhard oder Jelinek eine Literatur im „Großraumdeutsch“ entwickeln.

Da geht es um Wörter und Bezeichnungen, aber auch um die Syntax. Wenn ich im Extremfall H.C. Artmann hernehme – dann kann „Med ana schwoazzn Dintn“ einer in Hamburg, wenn er nicht einen starken Österreich-Bezug hat, nicht lesen. Der österreichische Kulturpolitiker, der Verantwortung trägt, müsste den Chauvinismus haben, dass er sagt, dieses Idiom wollen wir erhalten, weil es eine Bedeutung hat, und dafür gibt es Geld. Das passiert in Irland oder Finnland ganz stark, in Frankreich werden französische Wörter kreiert für englische Begriffe. Ich glaube, dieser Chauvinismus ist notwendig.

Sein Faible für den Erhalt historischer Bausubstanz. Die Intention für das Buch „Verlassene Heimat“ aus 2019 war die Sensibilisierung für einen anderen Umgang mit den wenigen noch vorhandenen Schätzen. In Wetzles stehen drei Häuser, die verfallen – bei einem fiel gerade das Dach zusammen. Für mich so erschütternd ist: Das sind die drei schönsten Häuser in bester Lage im Dorf, sie schauen nach Süden, haben eigenes Wasser und einen geschützten Bereich, aber sie werden nicht zum Verkauf angeboten. Am liebsten würde ich der Sache nachgehen und sie noch als Ruinen kaufen, man könnte sie wieder aufbauen, zumal viele andere Häuser architektonisch sowieso hin sind. Ich kann mich nicht allem annehmen, das schaffe ich nicht, aber um diese Achtsamkeit ging es. Das Haus zu dem Bild auf der Titelseite ist angeblich kurz nach der Buchveröffentlichung abgerissen worden… es hieß, es sei eine Schande für den Ort gewesen.

Den Erhalt der Eisenberger-Fabrik Gmünd. Seit ich in der Gegend lebe, also über 40 Jahre und bereits vorher, habe ich diese Hütte gesehen: Das wäre was, da könnte man dieses und jenes machen. Jetzt mach ich halt was. Aber es gibt von der öffentlichen Seite her keine Unterstützung. Ja, einmal hat mir eine Politikerin 200 Euro gegeben… ich rede über das Thema gar nicht mehr, weil das ist mir zu peinlich. Warum nehme ich mich des alten Gebäudes an…? Warum muss man es verfallen lassen und hoffen, dass es wegkommt? Wir können es unterschiedlichst nutzen – für Wohnungen, man kann hier herrlichste Lofts als Lebensraum machen, für Kultur, oder für was auch immer. Hier könnte auf drei Ebenen ein Großkaufhaus sein, man müsste dafür nicht woanders alles zubetonieren. Ich versuche, zu gestalten, und habe meine Freude daran – genauso wie mit den Büchern. Bei jedem Buch freue ich mich. Da lerne ich Menschen kennen, habe Geschichten dazu, Leidenschaften.

Ja, es geht mir um Wahrnehmung – und um Wertschätzung. Man muss das Kleine wahrnehmen, weil es ist so entscheidend. Ich habe damals auch die alte Bahnstation neben der Fabrik gekauft: Ihr Niedergang hatte mir leidgetan. Jetzt zeichnet sich ab, dass sie 2023 eine Schmalspurbahn-Bedarfshaltestelle werden könnte. Die Bahn ist eines der wichtigsten Verkehrsmittel der Zukunft, und die Kultur bzw. die Ausstellung könnte dann quasi schon am Franz-Josefs-Bahnhof beginnen.