Amstetten, Wien: Säulen der Erinnerung. Amstettner Malerin Amelie Götzl gestaltete zwei Litfaßsäulen am Wiener Yppenplatz, um auf das Schicksal der jüdischen Familie Dichter aufmerksam zu machen.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 30. Juli 2021 (06:34)
säulenprojekt amstetten
Die Amstettner Modedesignerin und Malerin Amelie Götzl und ihre Litfaßsäulen am Wiener Yppenplatz, die an die Familie Dichter erinnern.  
Isabel-Kristin Koinig; Ben Pointeker

Stellung zu beziehen, ist für Amelie Götzl selbstverständlich. Die 30-jährige Amstettnerin, sie absolvierte ihr Modestudium bei Ute Ploier an der Kunstuniversität Linz und studiert derzeit an der Akademie der Bildenden Künste in Wien Malerei, setzt vor allem als Modedesignerin auf Nachhaltigkeit und stellt so einen Gegenpol zur herrschenden Wegwerfindustrie dar. Dafür hat sie gemeinsam mit ihrem Studienkollegen Moritz Gottschalk 2018 das Modelabel „Combinege“ in der Bundeshauptstadt gegründet.

„Beim Prozess des Malens transformiere ich negative oder belastende Gefühle und gehe dadurch gestärkt hervor.“ Malerin Amelie Götzl

Doch auch in der Malerei hat die Mostviertlerin etwas zu sagen. „Hier ist es mir ein großes Anliegen eine feministische Botschaft zu vermitteln. Als Frau erlebt man, gerade im Kunstbereich, nach wie vor sehr oft eine gewisse Benachteiligung, mit der man sich unweigerlich auseinandersetzen muss„Beim Prozess des Malens transformiere ich negative oder belastende Gefühle und gehe dadurch gestärkt hervor., sagt die Künstlerin. „Beim Prozess des Malens transformiere ich negative oder belastende Gefühle und gehe dadurch gestärkt hervor. Ich denke, in meinen Werken, die vorwiegend Frauen als Motiv beinhalten, ist diese Stärke spürbar.“

Als sie vor einigen Jahren zum ersten Mal eine feministische Künstlerin genannt wurde, sei sie überrascht und auch etwas unsicher gewesen, ob das gut sei, sagt Götzl. „Denn ich hatte mit dem Begriff und der Schublade, in die man Gefahr läuft, gesteckt zu werden, meine Probleme. Mittlerweile betrachte ich es aber mit Stolz als starke Position für Frauen“, betont die Amstettnerin.

Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Femizide schon fast an der Tagesordnung stünden, sei es wichtig, Frauen aufzufordern, sich zur Wehr zu setzen, sich nichts gefallen zu lassen und vor allem gemeinsam und füreinander stark zu sein. Aus diesem Engagement heraus entstand auch die Gestaltung der Litfaßsäulen am Yppenplatz im 16. Wiener Gemeindebezirk. Richard und Roland Schütz, die zwei Galerien führen, haben Amelie Götzl und ihren Kollegen Moritz Gottschalk dazu eingeladen, an Ausstellungen teilzunehmen.

Schmerz, Trauer, Wut, und Wiederaufstehen

Beim heurigen Grundsteingassenfestival gestaltete das Duo „Combinege“ einen Raum in der „Masc Foundation“ und Götzl stellte ihre Malereien in der „Kunsttankstelle“ gemeinsam mit anderen Künstlerinnen und Künstlern aus. Für die Arbeiten hat sich die Amstettnerin mit der jüdischen Familie Dichter auseinandergesetzt.

Ihre „Säulen der Erinnerung“ sollen, an sie erinnern und auch eine Hommage sein. „Die Familie Dichter besaß das gleichnamige Warenhaus am Brunnenmarkt Ecke Grundsteingasse, nahe dem Yppenplatz. Es war in den 1930er Jahren das größte Warenhaus Wiens außerhalb des Gürtels“, erzählt die Künstlerin. „Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Warenhaus arisiert, ein Teil der Familie deportiert und ermordet, nur einem kleinen Teil gelang die Emigration.“

„Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Warenhaus arisiert, ein Teil der Familie deportiert und ermordet, nur einem kleinen Teil gelang die Emigration.“ Amelie Götzl

Die Dichters waren eine sehr kunst- und kulturinteressierte Familie. Walter Arlen, ein Enkel der Kaufhausbesitzer, lebt als Komponist, Musikwissenschaftler, Musikkritiker und Universitätsprofessor in Los Angeles. Bei seinem Wienaufenthalt 2007 anlässlich einer Aufführung seiner Kompositionen im Jüdischen Museum, wurde auch das Ausstellungsprojekt als Kooperation zwischen Arlen und den Galeristen Schütz begründet.

„Da für mich schon immer die menschliche Psyche und Emotionen Hauptthematik meiner Arbeiten darstellen, habe ich diese auch in meine Gestaltung der Litfaßsäulen, die noch bis 5. August zu sehen sind, einfließen lassen. Ich wollte eine gewisse Bandbreite an Emotionen zeigen. Außerdem habe ich versucht, mich in die Emotionen, die eine Familie mit einer derartigen Historie durchlebt haben mag, hineinzudenken. Deshalb fand ich es als passend, Werke zu zeigen, in welchen ich mich mit Schmerz, Trauer, Wut, Ohnmacht, aber auch mit dem Prozess des Überwindens dieser Gefühle, des Wiederaufstehens und des Widersetzens beschäftigt habe.“